· 

Mein Hut, der hat drei Federn

Nein, nicht dieser. Die Geschichte handelt in den 80zigern des letzten Jahrhunderts, ich war gerade Anfang Dreißig.


 

Mein Hut, der hat drei Federn

 

Julianne Becker, 2021

 

Es gibt Gegenden, da wird ‚Anderssein' begrüßt. Meine Heimat gehört definitiv nicht dazu. Mein erster Hut besaß drei Federn, ein Designerhut, den man schief aufsetzen musste, damit er gut aussah. Ich wollte mir eigentlich nur eine Baskenmütze kaufen, mein Künstler-Kollege in Mainz trug diese Art Mützen immer. Ich hatte seine nur so zum Spaß mal aufprobiert, doch dann stand sie mir zu gut, ich musste so eine haben! Das Mainzer Hutgeschäft, das ich nachmittags besuchte, hatte natürlich Baskenmützen in allen Farben. Doch wo ich schon mal dort war, probierte ich natürlich auch die teuren Designerhüte auf. Das hätte ich besser nicht tun sollen!

 

An einem Hut mit drei Federn in altrosa und mit einem winzigen Büschel Fell blieb ich hängen. 180 Mark! Und wir sparten gerade an allem, mein Mann renovierte unser altes Haus. Ich setzte ihn erst gerade auf, aber das sah nicht gut aus. Ich verschob ihn zur einen Seite, dann zur anderen, mehr nach vorne, mehr nach hinten, umgekehrt, mehr schräg oder mehr gerade. Mit einem Gummi ums Kinn musste er sowieso gesichert werden. Jede Stellung sah besser aus als die gerade. Ich zog den Hut an und wieder aus. Ich ging herum und betrachtete mich in den diversen Spiegeln von allen Seiten. Er saß perfekt und unterstrich genau meine Persönlichkeit, ich fühlte mich mit ihm noch mehr ich selbst.

 

Ich entschied mich: Nein, du bist verrückt! Das gibt Ärger daheim, mit deinem Mann. Ich verließ sogar das Geschäft, ohne die 20 Mark in die Baskenmütze investiert zu haben. Schon vorher hatte ich die Aufmerksamkeit anderer Kunden auf mich gezogen. Sie schienen nun sogar erleichtert, als ich wieder eintrat und erneut den Hut anprobierte. Ein Mann, der seine Frau nur begleitete und, statt sie zu beraten, mich schon eine Weile fasziniert beobachtet hatte, sagte schließlich: „Sie müssen diesen Hut kaufen! Der ist wie für sie gemacht.“

 

Schließlich befreite ich mich selbst aus dieser quälenden Unentschlossenheit, trat entschieden zur Kasse und kaufte mir den sündhaft teuren Hut. Natürlich behielt ich das kostbare Stück auch gleich auf dem Kopf. Auf dem Weg zum Bahnhof durch die Mainzer Innenstadt gab es viele Schaufenster und ich genoss es, mich darin zu spiegeln: Wie lustig diese Federn wippten und meine Schritte unterstrichen! Witzig sah das aus und ausnahmslos alle Passanten fanden das auch. Und sie grinsten und lachten mit mir, aber nie über mich.

 

Ich nahm den Zug zurück nach Idar-Oberstein und meine Laune sank mit jedem Kilometer, weil die Blicke der Ein- und Aussteigenden immer finsterer und negativ-bewertender wurden. Als ich schließlich zu meinem Mann ins Auto stieg, hatte sich meine Stimmung schon längst genau der Szene angepasst, die er mir nun machte, und ich ertrug seine extremen Vorwürfe mit Gleichmut.

 

Damals habe ich meinen ganzen Mut zusammennehmen müssen, um weiter einen Hut zu tragen, erst nur den einen mit den drei Federn. Ich dachte, wenn ich ihn jetzt nicht immer und zu jeder Gelegenheit aufsetze, traue ich mich bald überhaupt nicht mehr, denn die Kritik und bösen Blicke waren entmutigend. Also fuhr ich am nächsten Tag mit dem Hut auf dem Kopf nach Mainz in die Schule. Meine Federn wippten und die ein- und aussteigenden Menschen waren immer besser gelaunt, je näher unser Zug an Mainz heranrückte. Ab Bahnhof stand ich sowieso unter besonderer Beobachtung.

 

Wenn dich etwa tausend Schüler einer Stadt kennen, bleibt es nicht aus, dass du beobachtet und gekannt wirst. In der Straßenbahn schmunzelten sie mir entgegen und hinter mir wurde getuschelt. Kinder sind an sich intoleranter als Erwachsene, weil ihnen noch das Selbstbewusstsein fehlt, und sie urteilten nun schon etwas geringschätzig über meine offensichtliche Verrücktheit. Ihre Blicke signalisierten mir ihre Unsicherheit, was das nun wieder soll. An der Schule angekommen marschierte ich zielstrebig unter den Blicken neugieriger Schüler über den Schulhof. Bisher trug da noch keine Lehrerin Hüte.

 

An meiner Schule blieb ich auch lange die einzige Lehrerin, die damals Hüte trug. Im Lehrerzimmer kam mir eine Kollegin entgegen, schaute auf meinen Hut und kommentierte dann:

 

„Aber denn wirst du doch jetzt nicht auch noch im Unterricht auflassen?“

 

Das hätte sie nicht sagen sollen, denn schon hatte ich entschieden, dass ich genau das tun würde. Ich marschierte in die 10. Klasse, die als erstes mit Unterricht in Wirtschaftskunde dran war. Es gab eine Aufruhr, verstecktes Schmunzeln, fragende Gesichter. Der Sympathie meiner Schüler konnte ich mir gewiss sein, so war das ein guter Anfang. Ich tat so wie immer und begann mit meinem Unterricht. Es war ja auch alles wie immer. Nur, dass ich eben meinen besten Hut aufhatte, meinen damals einzigen. Ich zog das durch.

 

Schon klopfte es, eine Schülerin stand in der Tür und fragte, ob sie ein Stück Kreide haben könne. Hinter ihr sah ich aufgereiht noch weitere drei bis vier Teenager stehen, alle sichtlich neugierig amüsiert, wie diese Becker heute aussieht. An diesem Morgen herrschte noch oft ein Mangel an Kreide. Gegen Ende meiner Doppelstunde sprach ich offen mit meinen Schülern über meine Hut-Erfahrung. Und so entstand schon an diesem ersten Tag die Idee für ein Ritual: Dass ich jeden meiner abgehenden Leistungskurse mit einem neuen Hutmodell ehre, das ich extra für die Feier ihrer Zeugnisübergabe anschaffe. Meine Schüler fanden die Idee witzig, ich auch. Ab da kam ich jedes Jahr mit einem neuen Hut zur Abschlussfeier meiner 10. Klassen. Sie waren schon richtig gespannt darauf, das Ritual verband uns.

 

Allerdings gab es schon am zweiten Hut-Schultag Ärger. Denn eine als aufmüpfig bekannte Schülerin meines Kurses erschien nun ebenfalls mit Hut zur Schule und war auch nicht bereit, diesen Hut im Unterricht abzusetzen, obwohl die Lehrer sie mehrmals dazu aufforderten. Meine Kollegen warfen mir in der Pause vor, diesen Widersinn angefangen zu haben. Nun störten Schüler mit meiner Idee sozusagen die öffentliche Ordnung. Gut, ich suchte mir die besagte Schülerin und wir kamen in einem längeren pädagogischen Gespräch überein, dass wir beide die Hüte an der Garderobe oder im Ranzen verschwinden lassen und sowohl Lehrer als auch Schüler ab sofort wieder mit unbedecktem Kopf am Unterricht teilnehmen. Mit einer Ausnahme, und das fällt mir erst hier und heute bei der Niederschrift auf: Mein Kollege für Bildende Kunst, der mit der Baskenmütze, der trug sie immer.

 

Als ich einmal nachmittags dem Eingang der Schule zustrebte – vermutlich für eine Konferenz – sah mir eine mir noch unbekannte Putzfrau nach, und zeigte sich ziemlich verwundert über den Hut mit den drei wippenden Federn. Ich hörte, wie sie unseren Hausmeister ansprach:

 

„Was ist das denn für eine?“

 

Und dann hörte ich diesen antworten: „Ach, das ist nur unsere Frau Becker, die trägt gerne Hüte.“ So als ob er sagen würde ‚die isst gerne Kekse‘. Mehr war das nicht. Ich war zur Normalität geworden.

 

Das Experiment wiederholte ich noch oft: Es blieb bei den finsteren Mienen an der oberen Nahe und beim amüsierten Zuschauen am Rhein. Und ich selbst wurde mir das erste Mal bewusst, dass ich anders war. Nicht besser, nicht schlechter, aber eben anders. MEIN Hut hatte drei Federn und die wippten bei jedem Schritt. Und damals trug kaum einer Hüte, außer vielleicht ganz alte Damen.

 

Nicht, dass dieser Hut den Ausschlag gegeben hätte, aber nicht lange danach trennte ich mich auch von meinem Mann. Er war wie meine Heimat und mochte meine drei Federn nicht. Er versuchte immer, mich zu rupfen. Auf meinen einsamen Kneipentouren, in denen ich meinen Kummer über die gescheiterte Ehe zu ertränken versuchte, lernte ich dann meine Hüte schätzen, denn dem einen Hut waren noch viele weitere gefolgt: Wenn ich mich auf diese Weise ‚behütet‘ an den Tresen setzte, saß ich selten lange allein. Und es gab keine dumme Anmache. Der Hut verschaffte mir gleichzeitig eine respektvolle Distanz und nette Gespräche in den Kneipen, in denen ich meine Zukunftsangst, meinen Scheidungsfrust und mein Alleinsein dann in Cocktails ertränkte. Ich faszinierte wohl den einen oder andern Herrn und fand sehr schnell heraus: Die interessantesten Gespräche ergaben sich mit Hut.

Heute setze ich meine Hüte bevorzugt gerade auf. Doch was dies bedeutet, keine Ahnung. Finde es selbst heraus, wenn du willst.

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0