Der Weg der Puppen, Band 1 bis 3


Es gibt für alles eine natürliche Erklärung. Und die wollte ich finden.

Wenn ich schon Gott nicht gefunden habe, so wenigstens das!


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Diese autobiografische Reise mit den Lichtfilzlingen bezieht sich auf die Jahre 2004 bis 2008, in denen ich mit Hilfe meiner Kuschelkunst meine Schwingung immer weiter anhob und dabei durch meinen eigenen Schatten tauchte, um darin gründlich aufzuräumen. Alles ist genauso passiert, nichts wurde erfunden, beschönigt oder dazu gedichtet.

 

Wenn ich meine Texte heute lese, scheint mir mein Denken und Fühlen so fremd und unbewusst, als wäre mir mein Tagebuch aus der Pubertät in die Hände gefallen. Umso erfrischender mag es für andere sein, zu erfahren, womit eine angehende Meisterschülerin sich so alles herumgeplagt hat und wie wenig meisterlich sie dabei vorankam. Da ist doch jeder einzelne Leser viel bewusster - gottseidank!

 

Andererseits finde ich alle meine selbst entwickelten und in der Erfahrung gereiften Theorien auch heute noch stimmig und einfach genial. Es gibt eben tatsächlich für alles eine natürliche Erklärung. Dabei ist mir egal, ob Wissenschaftler des Zeitgeistes meinen Überlegungen folgen können. Mir hat es geholfen, mich selbst am Schopf aus dem Moor zu ziehen,  wo andere hoffnungslos in Problemen versinken. Und dafür bin ich unendlich dankbar.

 


Die Neuerscheinung in drei Bänden:

Der Weg der Puppen

Wie die Abenteuer mit den Lichtfilzlingen mich zu einem neuen Bewusstsein führten: Zum Drachenweg und in die Meisterschaft.


Band 1: Hurra, die Lichtfilzlinge kommen

Die erstaunlichen, paranormalen Abenteuer mit den Lichtfilzlingen

 

Ebook: ISBN:

978-3-7427-2301-7

Verkaufspreis:

7,99 €

Taschenbuch: ISBN:

978-3-746761-52-7

Verkaufspreis: 15,99 Euro

 

 

Band 2: Licht am Ende vom Filz

Es gibt zunehmend Probleme. Es wird noch abenteuerlicher und der Seelenpartner kommt vorbei.

 

Ebook: ISBN:

978-3-7427-2297-3

Verkaufspreis:

7,99 €

Taschenbuch: ISBN:

978-3-746761-53-4

Verkaufspreis: 15,99 Euro

 

 

Band 3: Die Weltsicht einer Puppenmacherin

Wilde Erfahrungen verlangen wilde Theorien.

 

Ebook: ISBN:

978-3-7427-2273-7

Verkaufspreis:

7,99 €

Taschenbuch: ISBN:

978-3-746761-54-1

Verkaufspreis: 15,99 Euro

 

 

Leseproben


Band 1: Hurra, die Lichtfilzlinge kommen!

 

 

 

Vorwort

 

Als ich die folgenden und wirklich erstaunlichen Erlebnisse mit meinen Lichtfilzlingen für dieses Buch zusammentrug, steckte ich noch mitten in der  intensivsten spirituellen Phase meines Lebens, während alle ernüchternden Erklärungsversuche dazu noch in den Kinderschuhen steckten. Heute sehe ich mich eher als eine post-spirituelle Realistin oder als eine Befreiungspraktikerin. Und damit meine ich die Befreiung von allen Dogmen.

 

Dieses Buch beschreibt die Zeit von 2003 bis 2008 und damit mein intensives persönliches Ringen um existentielle Fragen in einer unterhaltsamen, persönlichen Weise. Es schildert auch die Fallstricke jeder religiösen Vorstellung und wie sie uns in immer neue Sackgassen führt. Gleichzeitig dokumentiere ich an vielen Beispielen meine kreativ-handwerkliche Herangehensweise und wie es mir gelingt, filzend mit meinem Unterbewusstsein ins Gespräch zu kommen und dabei allerhand aus dem Hut zu zaubern.

 

Meine Fragen waren: Was mache ich da eigentlich, wenn ich filze? Wer oder was inspiriert mich dazu? Wer oder was ist Gott? Und wer bin ich? Was bin ich? Und was ist meine Lebensaufgabe?

 

Damals gingen meine Eindrücke und Erzählungen noch wild durcheinander, nie konnte ich bei einem Thema bleiben, immer fiel mir noch etwas anderes dazu ein, und es dauerte lange, bis mir klar wurde, dass ich mitschreiben sollte, denn gerade meine scheinbar absurdesten Gedankensprünge enthielten oft das größte Potential.

 

Mit meinen Freunden sprach ich viel über meine geliebten Filzfiguren, über die große Leidenschaft zum Filzen, meine Lieblingsbücher und Fernsehserien und dabei flossen bewegende Träume ebenso ein wie Erkenntnisse und Erfahrungen aus meinen Lieblingsthemen Konfliktlösung, Lernen, Verhalten, Spiritualität und Bewusstsein. Und während ich allmählich meine eigenen, originären Realitätsmodelle entwickelte, hörten sie mir zu und stellten Fragen. 

 

Wenn meine Tochter am Wochenende aus dem Internat nach Hause kam und ich ihr die neuesten verrückten Erlebnisse mit den Lichtfilzlingen erzählte, lachten wir beide darüber, dass mir das bestimmt keiner glauben würde. Schließlich sagte sie: "Mama, du musst diese Geschichten aufschreiben, sonst vergisst du sie wieder." Und so kam es, dass ich anfing, die Anekdoten zu sammeln. Über zwei Jahre habe ich dann an der richtigen Aufeinanderfolge gebastelt und so entstanden gleich drei Bücher:

 

  • Hurra, die Lichtfilzlinge kommen!
  • Licht am Ende vom Filz
  • Die Weltsicht einer Puppenmacherin

Nichts in diesen Büchern wird zufällig erzählt. Vieles, was im ersten Band nur nebenbei Erwähnung findet, reift in den nächsten zu einer zentralen Idee und führt zu tiefgreifenden positiven Veränderungen in meinem Leben. Alles taucht irgendwann wieder auf und hilft mir, mich selbst, Gott und die Welt immer tiefer zu verstehen.

 

Komm mit und folge der magischen Spur der Lichtfilzlinge. Lass dich überraschen, unterhalten und inspirieren. Und erfahre, was ganzheitlich wirklich bedeutet:

 

Alles hat mit allem zu tun, in jedem Augenblick. Alles hat eine Bedeutung, die sich manchmal erst nach Jahren erschließt. Und alles ist am Ende eins.

 

Jeder Mensch folgt seiner eigenen individuellen Fährte so wie Alice dem Kaninchen ins Wunderland. Und wenn es in diesen Büchern schon keinen verrückten Hutmacher gibt, so werden die Leser sicher bald merken: Eine verrückte Puppenmacherin tut es auch. 

 

Viel Vergnügen!

 

Julianne Becker

 

Idar-Oberstein, im September 2018

 

 

 

Prolog - Das Göttliche Roulette

 

Eh-Yh-Ra war schon ein sehr ungewöhnlicher Name für eine Deutsche und es hatte mich auch nicht sonderlich begeistert, zu erfahren, dass ich so heiße. Es geschah in einer Winternacht im Jahre 2003, kurz nach meinem 50. Geburtstag, zu dem ich mir ein kleines Theater gemietet und über fünfzig Freunde und Verwandte eingeladen hatte. Gemeinsam wurde ein buntes Bühnenprogramm gestaltet, zu dem ich drei eigene Puppenspiele beitrug. Alles verlief so, wie ich es mir von ganzem Herzen gewünscht hatte. Und dass es mir tatsächlich gelungen war, mich selbst mit einem Puppentheater inklusive wohlgesonnenem Publikum zu beschenken, wenn auch nur für eine Nacht, bildete die Krönung all meiner bisherigen Geburtstage, und ich ahnte noch nicht, dass es sich auch um einen Abschied handelte, einen Abschied von meinem alten Leben und meinem alten Ich. Statt Geschenken bat ich meine Gratulanten für eine Schule in Palästina zu spenden, die sich für den Frieden engagierte. Ich versprach, dass das Geld in voller Höhe dort ankommen würde, denn ich kannte den Schulleiter persönlich. An meiner eigenen Schule engagierte ich mich neben der Klassenleitung und dem Mathematikunterricht vor allem in der Streitschlichtung und hatte sogar ein Training zur Friedenserziehung entwickelt – natürlich auch ein Puppenspiel. Nichts in dieser klaren Winternacht deutete darauf hin, dass etwas Ungewöhnliches in mein Leben treten würde, und doch, das tat es.

 

Ich wachte abrupt auf und fand mich, noch halb träumend, in ein Selbstgespräch vertieft. „Ich heiße Eh-Yh-Ra,“ sagte ich zu mir selbst, ich wusste es einfach. Und der Name ging noch weiter, sozusagen mit zwei Nachnamen, die mir schon besser zusagten, weil sie irgendwie viel wichtiger und erhabener klangen, und ich erklärte mir die Bedeutung dieser Namen innerlich gleich auch noch selbst. Doch dann rief ich plötzlich laut und sehr ärgerlich: „So ein Quatsch, ich heiße doch nicht so!“ - Jetzt war ich wohl erst richtig wach und merkte, dass da zwei Ichs in meinem Kopf sprachen.

 

Ich hatte zwar nach all den Jahren, die ich mit Meditationsübungen verbrachte, die Hoffnung nie aufgegeben, auch mir würde einmal gesagt, wie mein Seelenname sei, aber diesen konnte ich nun auf gar keinen Fall akzeptieren. „Das ist doch Blödsinn,“ sagte das eine Ich in mir ärgerlich zum anderen, immer noch halb verschlafen. „Verarschen kann ich mich auch selbst!“ Man muss mir hier zu Gute halten, dass ich in diesem Zustand noch nicht sehr kontrolliert in meiner Wortwahl war, bei meinen Schülern hätte ich diesen vulgären Kraftausdruck niemals geduldet. Ich war sauer.

 

 „Eh-Yh-Ra“ hieß nämlich ganz einfach und banal mein Geburtsort, genau so wurde der im dortigen Dialekt ausgesprochen! Es war also alles andere als ein hochspiritueller und besonderer Name. Doch das eine Ich in meinem Kopf bestand darauf, dies sei mein Name und die Essenz meines Wesens. „Warum passiert so etwas immer nur mir!“ schimpfte ich. Warum konnte bei mir nicht endlich einmal alles glatt und schön und vor allem vorzeigbar verlaufen? Zu dumm. Kein Mensch würde mir glauben, dass das mein Seelenname sei, alle würden mich auslachen, von wegen ehrenvoll oder fast heilig! Und ich wäre doch so gerne ein wenig heiliger gewesen. Man wollte sich wohl sogar bei den Engeln über mich lustig machen. Der liebe Leser stelle sich vor, er wache auf und wüsste, er hieße Mäh-eenz (Mainz)! Nichts gegen Mäh-eenz, ich liebe diese Stadt und habe dort etliche Jahre gelebt, aber so heißen, wie die Menschen das dort im Dialekt aussprachen, wollten die Leser doch bestimmt auch nicht, oder?

 

Doch dann konnte ich es mir selbst so akzeptabel erklären, dass ich verstand. Und dafür muss man wissen: „Eh-Yh-Ra“ wurde zweisilbig ausgesprochen wie „E-Ra“, dabei wurde ein sehr kurzes „j“ an das „e“ angehängt und flüssig zum „r“ hingezogen, also ungefähr wie e-j-ra, aber ganz ohne dass es zu einem „ei“ verrutschte, denn das wäre komplett falsch. In der deutschen Sprache schien es nahezu unmöglich, diesen Namen ordentlich und phonetisch genau auszusprechen, es sei denn, man war wie ich in dem kleinen Stadtteil Idar (von Idar-Oberstein) mit etwa fünftausend Einwohnern geboren. Meine Seele hatte sich daher entschieden, genau dort geboren zu werden, damit ich später einmal meinen Namen richtig aussprechen könne. Weiter erfuhr ich von mir selbst, diesem zweiten Ich in meinem Kopf, dass diese Phonetik keltischen Ursprungs sei und in deren Sprache einfach so viel wie „Zuhause, Heim“ bedeute. Und ein Gefühl sagte mir, dass das stimmte. Ich hatte mir angewöhnt, zu fühlen, ob etwas stimmen könnte. Und nannten nicht die Iren, diese ehemaligen Kelten, ihre ganze Heimatinsel „Eire“? Das wurde doch fast genauso ausgesprochen. Schließlich akzeptierte ich meinen Namen und schlief wieder ein. Und in Folge dachte ich auch über das Phänomen, zwei Ichs im Kopf gehört zu haben, nicht weiter nach, ich war viel zu beschäftigt.

 

Ich lebte damals in Berlin, einem wunderbaren Schmelztiegel der Kulturen und Weltanschauungen. Ich liebte die Stadt und die Menschen und fand für mein seit einigen Jahren erwachtes spirituelle Interesse vielfältige Anregungen. Eigentlich hätte ich mich über meinen Seelennamen freuen müssen, denn sein Erhalt bedeutete traditionell ein neues Leben in tiefer Spiritualität, und das wünschte ich mir seit langem. Schon in meiner Jugend hatte ich nach Gott gesucht und als junge Erwachsene die Bibel sogar zweimal ganz gelesen, was ich allerdings nur als ziemlich anstrengend in Erinnerung behielt. Als ich Gott dort nicht fand, vermutete ich schließlich, dass die ursprüngliche Essenz der Lehren Jesu in der Weite der kirchlichen Hierarchien verloren gegangen sein mussten. Und erst nach vielen Jahren als Atheistin und getrieben durch Krankheit und schmerzhafte menschliche Enttäuschungen nahm ich meine Suche wieder auf.

 

Seit Jahren schon litt ich an heftigen Depressionen, lebensgefährlichen Nahrungsmittelallergien und Asthma. Hinzu kamen Anfänge von Rheuma und Arthritis, und mein erhebliches Übergewicht verschlimmerte außerdem einen Hüftschaden, der durch eine einseitige Abnutzung entstanden war. Ich suchte Hilfe bei Medizinern und alternativen Heilkundigen, bei Psychologen, Neurologen und spirituellen Lehrern. Nach einer Scheidung im zarten Alter von Dreißig fand ich zudem nie wieder einen Partner und war neben dem Beruf als Lehrerin vollauf damit beschäftigt, mich als alleinerziehende Mutter durchs Leben zu schlagen.

 

In einer Zeit, wo ich in allen Lebensbereichen von Konflikten geradezu überrollt wurde, wandte ich mich das erste Mal wieder an Gott und rief ziemlich verzweifelt: „Hilf mir! Es muss doch möglich sein, in einem Streit anders miteinander umzugehen und sich nicht gegenseitig so zu verletzen! Und ich will es lernen!“

 

Prompt kam ein halbes Jahr später die Antwort in Form eines international arbeitenden Konfliktlösungs-Spezialisten vorbei, der sich zusätzlich als ein wunderbarer spiritueller Lehrer herausstellte. Na ja, ich hatte schon ein wenig in Zeitungen suchen müssen und hundert Kilometer fahren, und umsonst war es natürlich auch nicht. Jedenfalls tauchte ich nun ganz ein in dieses neue Feld der Konfliktforschung und ließ mich selbstverständlich auch schon zu einer Zeit in Mediation ausbilden, als noch keiner in meiner Umgebung von dieser Konfliktlösungstechnik gehört hatte. Und nebenher engagierte ich mich im internationalen Netzwerk meines Lehrers, denn ich brannte immer an beiden Enden. Das konnte nicht gut gehen, aber ich konnte auch nicht anders.

 

So brach ich das erste Mal zusammen und war über ein Jahr lang nicht mehr arbeitsfähig. In meinem Ehrgeiz zur Selbstheilung ging ich danach mit gewohnter Gründlichkeit vor, machte so den ganzen normalen und alternativen Therapiekatalog durch und natürlich ließ ich mich auch in der von mir favorisierten Atemtherapie ausbilden. Das Leben gab mir weitere sieben Jahre bis zum zweiten, und diesmal dem endgültigen Zusammenbruch. Ich spielte das Göttliche Roulette, und der große Groupier im Himmel rief:

 

 „Rien ne vas plus! Die Einsätze sind gemacht, jetzt rollt die Kugel...“

 

Nun war Ruhe. Endlich. Und nach Jahren, die ich wie in einem Hamsterrad gelaufen war, stand nun alles still.

 

 

 

Aus dem Hamsterrad gefallen

 

Ich hatte meine Freundin Carmen um Hilfe gebeten, denn ich fühlte mich diesmal außerstande, die Zeugnisse für meine Klasse selbst zu schreiben, auch wenn das natürlich wie jedes Jahr von mir erwartet wurde. Sie kannte meine Schüler gut, ich hatte Carmen als Referendarin betreut, und so lernten wir uns auch kennen. Bis vor kurzem hatten wir manchmal sogar gemeinsam unterrichtet. Wir ähnelten uns ein wenig, allerdings mit einer ganzen Generation Unterschied, und verstanden uns daher gut. Seit sie vor ein paar Wochen ihre Prüfung mit Bravour bestanden hatte, war sie arbeitslos. Meine Klasse ging sie also eigentlich nichts mehr an. Dennoch saß sie an diesem Sonntagmorgen hilfsbereit am Computer, während ihr Mann mit den Kindern losgezogen war, und bewältigte spielend die Eintragungen in eine Maske. Es war die gleiche Maske für Zeugnisformulare, die mich selbst vorher schier in die Verzweiflung getrieben hatte. Bereits vor Tagen hatten wir sehr lange an den verbalen Beurteilungen gesessen, nun ging es nur noch um die formal korrekte Eingabe aller Daten und den Ausdruck auf Papier, und wegen der Gültigkeit als Urkunde durfte man da keine Fehler machen, selbst Leerzeichen und Striche mussten pedantisch sitzen. Carmen hatte mir den bequemsten Sessel herangeholt und arbeitete emsig. Plötzlich drehte sie sich zu mir um und sagte besorgt:

 

„Du bist vollkommen erschöpft! Du solltest nicht bis zu den Ferien warten. Melde dich morgen krank.“

 

Ich protestierte: „Aber ich fühle mich doch überhaupt nicht anders als sonst auch! Ich bin doch nicht krank! Ich huste nicht, ich hinke nicht und mir tut auch nichts weh. Ich kann doch nur einfach nicht mehr. Ich bin einfach nur unendlich müde...“

 

Damit meinte ich nicht nur die Schule, sondern einfach alles, mein ganzes Leben. Und als sei ein innerer Damm gebrochen, traten Tränen in meine Augen, dann Bäche und schließlich Sturzfluten, bei denen selbst ganze Taschentuchpäckchen nicht mehr nachkamen. Carmen musste in ihre Vorratskammer stürzen, um mich mit Nachschub zu versorgen. Ich heulte und heulte, während ich außerdem Carmen noch unter Tränen weiter anfeuerte, sich um mich überhaupt nicht zu kümmern und stattdessen die Zeugnisse zu Ende zu schreiben, denn damit würde es mir sicher bald besser gehen.

 

Seit langem schon fühlte ich mich morgens beim Aufwachen bereits genauso erschöpft wie am Tag zuvor beim Zubettgehen, das war wirklich nichts Neues. Dann konnte ich doch auch noch die paar Tage bis zu den großen Ferien so weiter machen, die anderthalb Wochen gingen dann auch noch rum. Erst fiel mir die Arbeit nur an ein bis zwei Tagen pro Woche schwer und die anderen Tage beschenkten mich umso reicher mit Anerkennung und Zufriedenheit, denn mein Job machte mir ausgerechnet jetzt auch noch so viel Spaß, wie nie zuvor. Bald aber waren es drei Tage die Woche, dann vier, schließlich gab es kaum noch Tage mit Freude. Alles strengte mich nur noch an. Und ein Gedanke wurde so langsam zur fixen Idee: „Ich kann nicht mehr, und ich will auch nicht mehr.“

 

Carmen hatte die Zeugnisaktion glücklich beendet und der Drucker ratterte los. Nun unterbrach sie meine wehleidig-versunkene Selbstbetrachtung und schaute mir in die verquollenen Augen.

 

„Also, pass auf: Du gehst morgen nicht zur Schule. Du rufst an und meldest dich krank. Die Zeugnisse bringe ich für dich vorbei. Dann muss eben ein anderer mit den Kids den Ausflug machen und der Rest kann auch mal ausfallen oder vertreten werden.“

 

Ich nickte ergeben, eigentlich hatte sie ja recht. Ich fühlte mich nur viel zu schwach um überhaupt noch irgendetwas zu entscheiden. Ich war nämlich längst und vor allem entscheidungsunfähig und wusste es nicht.

 

Carmen fuhr fort: „Ich kenne dich. Selbst wenn wir beide das nun zusammen vernünftig entscheiden, wirst du morgen früh einfach weiter machen, weil du dich nicht krank fühlst. Und dann fallen dir die Kinder ein und die tausend Dinge, die du noch mit ihnen erledigen willst. Die du ihnen versprochen und mit ihnen geplant hast. Wir machen das anders.“

 

Sie holte ein Blatt Papier und schrieb darauf mit großen Buchstaben:

 

„Ich kann nicht in die Schule gehen und ich melde mich krank. Carmen hat das bestätigt und ich habe es ihr versprochen.“

 

Den Zettel sollte ich auf meinen Küchentisch kleben, morgens dann gleich die Schule anrufen, zum Arzt gehen und mich danach hinlegen. Ich unterschrieb die Zeugnisse, wir umarmten uns zum Abschied und sie wünschte mir noch gute Besserung und schöne Ferien. Es sollten lange Ferien werden.

 

Am nächsten Morgen war ich tatsächlich versucht weiter zu machen. Den Zettel auf dem Tisch ignorierte ich erst einmal, zog mich an, packte meine Sachen und ging los. Ich kam nur bis zur nächsten Ecke, dann kehrte ich verwirrt und unsicher um, ging zurück, setzte mich in die Küche, las den Zettel wieder und immer wieder.

 

„Ich kann nicht in die Schule gehen und ich melde mich krank. Carmen hat das bestätigt und ich habe es ihr versprochen.“

 

„So ein Käse,“ dachte ich dann wieder, und mir fielen meine gut geplanten Stunden ein, die Kinder und die Kollegen, auf die ich mich ja auch freute. Ich machte mich also erneut auf, um dann doch an der nächsten Kreuzung wieder umzukehren. Schließlich blieb ich einfach am Tisch sitzen und betrachtete das Blatt Papier. Daneben hatte ich mir abends das Telefon schon bereitgelegt. Ich rief in der Schule an, sagte meine Sätze, nahm die guten Wünsche der verständnisvollen Sekretärin entgegen und legte auf. Nun brachte ich ganz mechanisch den Arztbesuch hinter mich, legte die Krankschreibung gefaltet in den sorgsam vorbereiteten frankierten Briefumschlag, warf ihn in den Briefkasten und legte mich nieder. Ruhe. Endlich. Mit der Aussicht auf mehr als sieben freie Wochen bis zum nächsten Schuljahr.

 

So verging der Montag, und das war zufällig auch noch genau der Tag, an dem die Bauarbeiter frühmorgens eine Mörtelmischmaschine vor meinem Fenster aufbauten und sofort lautstark in Betrieb setzten. Ich wohnte damals im Souterrain und musste nun ausgerechnet in einer Baustelle meine Genesung vorantreiben. Und das auch noch als Staub-Allergiker, lüften konnte ich nur noch nachts. Aber ich war längst zu schwach für jeden Protest oder vernünftigen Gedanken und stopfte meine Ohren in die Kissen, um das laute Rumpeln nicht zu hören. Meine Wohnung stand bereits voller Umzugskisten und kaum etwas befand sich noch an seinem alten Platz, denn eigentlich war für den Beginn der Ferien mein Umzug geplant, um genau dieser Haussanierung zu entkommen, die mich nun nervlich an den Rand des Wahnsinns trieb. Meine Krankschreibung kam also viel zu früh und völlig ungelegen. Doch mittlerweile war mir selbst mein Umzug egal. Es dauerte ein paar Tage, bis die Vermieterin auf die Idee kam, dass die Maschine eine Zumutung für mich sei, ich hörte sie schimpfen. Zu der Zeit hatten die Bauarbeiter die Kellerverschläge in der anderen Haushälfte bereits beseitigt und zogen mitsamt Mörtelmixer in den dortigen Keller ein. Nun lag die Baustelle meiner Wohnung gegenüber und es rumpelte und dröhnte vom Flur. Ich lag derweil bei geschlossenem Fenster in meinem finsteren Verlies und wurde immer schwächer. Ich spürte kaum noch Hunger oder Durst und fiel in einen geistigen Dämmerzustand, aus dem ich nur ab und zu auftauchte, wenn sich körperliche Bedürfnisse meldeten.

 

„Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr...“ Ich wollte nur noch eines: Ruhe. Frieden.

 

„Ich sterbe!“ dachte ich irgendwann und es berührte mich nicht. Ich wollte dieses Leben nicht mehr, das seit langem nur noch aus Arbeit bestand. Ich wollte nur noch meinen Frieden finden. Mein Leben war voller Brüche und Enttäuschungen gewesen, und die wenigsten meiner Träume hatten sich auch nur annähernd erfüllt. Nur meine Kinder, die hatte ich beide aus ganzem Herzen gewollt und bekommen. Aber die lebten längst ihr eigenes Leben. Nein, keiner würde mich wirklich vermissen. Ich konnte gehen. Ich versank wieder im Dämmer. Ein Geräusch der Bauarbeiter riss mich erneut aus meinem Nebelreich. Nun wurde ich mir vage bewusst, dass ich ganz flach atmete. Ich war einer Ohnmacht nahe. Ich sterbe... Einverstanden, dachte ich noch und versank erneut im Nebel.

 

„Nein!“ schrie es plötzlich in mir und mein zweites Ich aus jener Nacht drang durch die Schleier meines Dämmerns bis in mein Bewusstsein. „Ich will leben!“ platzte es aus mir heraus und zwang meinen völlig erschöpften Körper zu tiefen Yoga-Atemzügen. Es dauerte trotz großer Kraftanstrengung dann noch sehr lange, bis ich wieder soweit bei Kräften war, herum zu kriechen und nach dem Telefon zu suchen. Ich wollte einen Arzt rufen. Aber in diesem Durcheinander bestand so gut wie keine Chance, den Hörer oder die Basisstation zu finden, ich gab wieder auf. In meinem wirren Geist kam ich nicht auf die Idee, mir von meinen Nachbarn helfen zu lassen, es gab nur noch einen Gedanken in meinem Kopf:

 

„Ich muss sofort zum Arzt, sonst sterbe ich.“

 

Die fünfhundert Meter bis zu meiner Hausärztin bewältigte ich irgendwie, ich taumelte, lehnte mich an Zäune und versuchte das helle Tageslicht möglichst zu meiden. Wie ein Penner muss ich ausgesehen haben, ungewaschen und natürlich noch in den Kleidern von Montag, die hatte ich seit vier Tagen nicht gewechselt. Nur Geldbörse und Schlüssel nahm ich mit, und das mehr aus einem vertrauten Reflex heraus.

 

Ich kämpfte mich langsam die Stufen hoch zu der Praxis im ersten Stock, sank auf die kleine Bank im Empfang und erhielt auch sogleich Hilfe. Die Ärztin fragte mich, wann ich das letzte Mal etwas getrunken hätte und ich wusste es nicht mehr. Sie stabilisierte meinen Kreislauf mit einer Spritze, hängte mich an einen Tropf mit Nährlösung und empfahl mir dringlich die sofortige Einweisung in die psychiatrische Notfallstation des Universitätsklinikums. Burn-Out... Und bis man sich dort um mich kümmern könne, würde ich am besten schlafen, weil mein Körper sonst hyperventilierte. Ich war mit allem einverstanden. Sie rief den Notfallwagen, und das letzte, an das ich mich erinnern kann, war, dass sie mich mit ihrer Spritze einschläferte.

 


Band 2: Licht am Ende vom Filz

 

Prolog - Der artenreichste Fluss

 

Durch den üppigen Regenwald folgte eine Gruppe Touristen einer alten grauhaarigen Frau, die mit den gezielten Hieben einer Machete geschickt den kaum erkennbaren Weg für sie alle frei bahnte. Sie kamen gut voran, auch wenn die Schwüle und die Anstrengung der letzten Tage ihnen zu schaffen machte, ihre Vorfreude und gespannte Erwartung gab ihnen die Kraft dazu. Auf ihrem Weg kamen sie an vielen farbenprächtigen Pflanzen und Tieren vorbei, die ungeheure Vielfalt der Flora und Fauna des Dschungels versetzte sie immer wieder in Staunen. Aber was sie nun erwartete, sollte alles noch bei weitem übertreffen, denn die Alte führte sie geradewegs zu "ihrem" Fluss. So nannte sie ihn zärtlich, seit sie ihn vor Jahren mitten im Dschungel entdeckt hatte, wo niemand, wirklich niemand - und sie selbst am allerwenigsten - mit ihm gerechnet hatte. Diesen Fluss gab es noch auf keiner Landkarte, er mündete in keinen bekannten Strom und auch nicht in einen See oder in das große Meer.

 

Endlich schienen sie angekommen. Die Alte teilte die letzten Zweige, schnitt den Weg rasch frei und trat mit der Gruppe hinaus auf eine kleine Lichtung am Wasser, wo die helle Mittagssonne sie erst einmal kurz blendete. Das Gespräch in der Gruppe verstummte und machte einer stillen Ehrfurcht Platz. Die Alte betrachtete die Menschen, die sich vertrauensvoll und neugierig ihrer Führung anvertraut hatten und nun sprachlos standen, und sie lächelte zufrieden.

 

Sie konnte sich leicht ausmalen, was in ihnen vorging, während sie alle unverwandt in den vor Leben übersprudelnden Fluss blickten, der mit all der quirligen Lebendigkeit seiner vielfältigen, bunten Lebensformen regelrecht wallte und damit so aussah, als würde sein Wasser kochen.

 

Auch sie stand einst bei der Entdeckung des Flusses in tiefer Ehrfurcht, großer Liebe und Dankbarkeit vor diesem Wunder der Schöpfung und des Schöpfers. Ein Mysterium, fürwahr. Unerklärlich, aber nährend, berührend und Vertrauen einflößend. Schließlich riss sie sich los aus ihren Gedanken und wandte sich wieder der Gruppe zu:

 

"Da, schaut selbst! Vor euch liegt der artenreichste Fluss der Welt! Aber das Erstaunlichste an ihm ist, und auch davon könnt ihr euch nun selbst überzeugen, und damit widerspricht er allen bisher bekannten physikalischen Gesetzen: Er fließt bergauf!"

 

Als ich aus dem Traum erwachte, staunte ich tief berührt. Und ich hatte dies geträumt, noch lange bevor meine Haare fast ganz ergrauten und ich meinen Namen erfuhr.

 

 

 

Das Horoskop

 

Eines Nachmittags riss mich ein Anruf aus meinem Mittagsschlaf, mein Freund Dieter war dran und drängte mich:

 

"Du musst unbedingt mitkommen heute Abend!"

 

Das kam nur selten vor, es musste also wichtig sein. Dieter hatte einen guten Riecher dafür, was dran war, man konnte sich darauf verlassen. Und als er nicht nachgab und mich mit immer neuen Argumenten aus meiner Lethargie zu reißen versuchte, willigte ich schließlich ein und wir verabredeten uns am Veranstaltungsort zwei Stunden später. In dem angekündigten Vortrag ging es um die besondere Konstellation des Horoskops im Oktober und November 2004. Den Vortrag hielten drei Amerikaner; ein Ehepaar, das schon die Harmonische Konkordanz als besonderes Horoskop-Ereignis im Jahr zuvor entdeckt und übers Internet weltweit publik gemacht hatte, begleitet von einem zweiten Mann, der etwa in meinem Alter sein konnte und sich später als Tom vorstellte. Letzterer saß an einem Zupfinstrument und stimmte den kleinen Kreis Besucher musikalisch ein, während noch ein paar Nachzügler eintrudelten.

 

Dieser Musiker faszinierte mich auf Anhieb. Er wirkte irgendwie viel plastischer und wesentlich lebendiger als alle Anwesenden, so als sei er der einzige bunte Schauspieler in einem Schwarzweißfilm. Es ließ sich nur schwer beschreiben. Alle drei hatten sowieso eine Ausstrahlung, dass ich dachte: Die sind bestimmt bereits aufgestiegen! Die ersten, die mir sozusagen life begegnen – whow!

 

Auch die beiden anderen strahlten viel heller und freudvoller als wir Besucher, sie hatten so viel Liebe und Kraft um sich herum, besonders in den Augen, und auch dafür fehlten mir die Worte, ich besaß keinen Wortschatz dafür. Die Beschreibung "wuchtig" fiel mir ein, womit der kleine Indigo-Sohn meiner Freundin Sonja die besondere Kraft und Wirkung einer meiner ersten Lichtfilzlinge beschrieben hatte. Das schien hier wirklich angebracht. Aber ich war dann außerdem vor allem von Tom ganz hin und weg, auf eine Art, die ich noch nicht kannte, und ich kannte schon einiges. Er haute mich buchstäblich um, unablässig kreisten meine Gedanken um ihn. Ich hatte Mühe, dem Vortrag zu folgen. Dass Dieter neben mir saß, gab mir Halt, und seine geflüsterten Bemerkungen und bedeutsamen Blicke holten meine Aufmerksamkeit dann auch immer wieder zu den Erklärungen und in den Raum zurück.

 

In dem Vortrag ging es um die Planeten, die ja bekanntlich im Horoskop eine entscheidende Rolle spielen. Es wurde uns berichtet, dass sie ein klassisches Fünfeck oder Pentagramm bildeten, und das dann auch noch ausgerechnet an drei hintereinander liegenden Vollmonden mit insgesamt acht Wochen dazwischen, also zweimal im Oktober und einmal im November. Diese Konstellation war so selten und einzigartig, dass sie sich in einer ausgedehnten Computersimulation der Tageshoroskope weder in den 4000 zurückliegenden Jahren noch in den 2000 Jahren unserer Zukunft wieder ergeben hatte. Sie war also äußerst selten. Vielleicht sogar noch wesentlich seltener, denn diese Leute hatten ja nur aufgehört zu suchen.

 

Einer der Vollmonde war gerade schon gewesen, das Datum der beiden anderen schrieben wir Anwesenden uns auf. Die drei sprachen nun abwechselnd über die Bedeutung dieser Zeitqualität der dreimal entstehenden Pentagramme und waren überzeugt davon, dass damit die Ankunft der Göttin angekündigt würde. Die Geburt der Göttin stände bevor, behaupteten sie, oder noch besser: Die Rückkehr der Göttin.

 

Nicht ganz ein Jahr zuvor war ein Davidstern gesichtet worden, eine Konstellation mit sechs Zacken, und den interpreterten sie als die Empfängnis der Göttin, und auch darüber sprachen sie viel. Für das Ereignis mit dem Davidstern im Jahr zuvor hatten sie den Namen "Harmonische Konkordanz" gewählt, weil damit ein zeitlicher Bogen gespannt oder noch besser beendet wurde, der 1987 mit der Harmonischen Konvergenz begann. Von der wusste ich nicht viel, außer dass da gleichzeitig ganz viele Menschen weltweit aufwachten und sich für Spiritualität zu interessieren begannen.

 

Ich hatte keine Ahnung von Horoskopen, aber ich selbst hatte auch meine spirituelle Reise in gleichen Jahr angetreten und auf meinem Weg dann noch viele andere getroffen, bei denen es auch "zufällig" genau dann los ging. Etwas auffällig war das schon, da musste was dran sein. Vorher waren sie politisch oder ökologisch oder in anderen Gruppen tätig, aber plötzlich begannen sie alle scharenweise ihre spirituelle Suche. Eine richtige Welle wurde da losgetreten, aber natürlich sind die Menschen vereinzelt auch schon vorher und auch danach aufgewacht.

 

Irgendwie stimmte das mit der Empfängnis der Göttin als Zeitqualität, auch in mir fühlte ich, dass es um die Geburt der Göttin ging, was für mich erst einmal ganz handfest bedeutete, dass ich endlich meine feminine Seite ganz annehmen können wollte, so ohne wenn und aber. Und das fiel mir bisher sehr schwer. Es ging um mein feminines Selbstbewusstsein und um meine psychische Unversehrheit, sozusagen um spirituelle Emanzipation und das Ende jeglicher Unterdrückung,– oder wie man es in der spirituellen Szene damals nannte: Um die Geburt der Göttin in mir.

 

Auf die Göttin war ich das erste Mal in einem Urlaub auf Gozo gestoßen, einer Insel im Mittelmeer, und das lag ein Dutzend Jahre zurück. Dort in den Tempeln einer sehr alten Kultur fand man einige ausnahmslos dicke Frauendarstellungen als Relief oder Statuen, und sie symbolisierten wahrscheinlich alle die Göttin. Diese steinernen, dicken, weiblichen Körperformen berührten mich damals seltsam und faszinierten mich ungemein. Und sie konfrontierten mich auch mit meinem eigenen Dicksein auf eine neue Art und Weise, kein anderes Thema wirkte so in mir nach. In den Jahren danach beschäftigte ich mich noch häufig mit der Göttin und mit der Heilung des weiblichen Teils meiner Psyche.

 

Ich sah im Übrigen trotz alledem noch lange keinen Zusammenhang zu der farbigen Puppe, die Lady Africa genannt werden wollte, und von der schon im ersten Buch viel die Rede war. Meine üppige und schöne Farbige war nämlich just so um den ersten Vollmond fertig geworden, von denen die drei in ihrem Vortrag sprachen. Und diese Puppe hattte derweil auch schon in einigen Meditationen in Berlin die Runde gemacht, zu denen Manuela sie gerade mitschleppte.

 

Ich spürte deutlich und aus großer inneren Tiefe, dass mit der Konzentration auf eine männliche Version unserer göttlichen ersten Ursache namens "Gott" eine psychische Unterdrückung der Frauen und viel Leid einher gegangen waren. Wenn Gott alles war, was existierte, und davon war ich mittlerweile überzeugt, dann war er auch männlich und weiblich. Heilung, Ganzwerdung und Frieden für die Menschheit ohne die Rückkehr des weiblichen Aspekt Gottes und damit die Achtung der Frau, aber auch des weiblichen Anteils der Psyche der Männer und der Natur als Ganzes war meiner Meinung nach überhaupt nicht möglich. Und ich spürte förmlich, dass meine weibliche Seite in die Kraft und Ganzheit gehen wollte und war überzeugt, dass erst danach mein männlicher, rationaler Teil der Persönlichkeit, also mein Verstand, in Balance kommen könnte. Eine Freude erfüllte mich schon seit Wochen, die ich nun von außen bestätigt fand:

 

Ja, die Göttin kam wieder!

 

Bei der Harmonischen Konkordanz im Jahr zuvor kam es mir allerdings so vor, als ob das Massenbewusstsein aller Menschen mit dem Christusbewusstsein geflutet würde, so als würden nun ganz viele Menschen sozusagen mit dem heiligen Geist getränkt und öffneten sich religiösen Themen ihrer eigenen Religion, mit der Empfängnis der Göttin hatte ich es nicht gleichgesetzt. Für mich fühlte sich das damals so an, als sei ein Damm in der Kollektivpsyche gebrochen und Pfingsten nun für alle ganz leicht möglich, für alle, die sich dafür öffnen wollten. Und auch in mir hatte sich deutlich etwas verändert. Ich war vollkommen verwandelt und fühlte mich so sehr mit Christus verbunden wie noch nie zuvor.

 

 

 

Der Mann am Bett

 

Kehren wir zurück zu diesem Abendvortrag. Die Veranstaltung bot noch so einiges. Während das Paar mich trotz Interesse am Thema in seiner Präsentation nicht überzeugen konnte, erwies Tom sich als spannender Erzähler und belesener Forscher; seine Interpretationen klangen klug und vor allem originell, und das alleine machte ihn schon sehr interessant für mich. Am Ende kam in den drei Rednern dann auch noch das Amerikanische voll durch und sie meinten, die Anwesenden müssten sich nun alle noch gegenseitig zum Abschied umarmen. Mir kräuselten sich bei dem Gedanken etwas die Fußnägel, denn ich war eigentlich kein Freund mehr von solchen angeordneten Verbrüderungen und vor allem Aura-Vermischungen, aber diesmal freute ich mich heimlich darüber, denn so bot sich mir die einmalige Gelegenheit, herauszufinden, was ich eigentlich mit diesem Amerikaner namens Tom zu tun hatte. Denn obwohl er mich faszinierte, konnte ich nicht sagen, er wäre irgendwie besonders attraktiv gewesen, signifikant mehr als andere Männer und ich war auch deutlich nicht verliebt. Ich ratterte mein ganzes Repertoire an Erfahrungen und Konzepten herunter, fand aber nichts Vergleichbares. Was faszinierte mich nur so unglaublich an diesem Tom?

 

Alles mutete mir sehr eigenartig an, teilweise befand ich mich wohl in einer Trance. Als ich dann Tom sozusagen als Test umarmte, war das auch nicht aufschlussreicher, oder zumindest nicht besonders prickelnd. Er gab mir in etwa das Gefühl, als würde ich meine eigene Großmutter umarmen: Immerhin, ungeheuer vertraut. Erst einmal war ich erleichtert, denn mit dem Verliebtsein hatte ich in meinem Leben schon so einige Scherereien erlebt und da es meist ohne Happy End verlief, vor allem sehr gelitten, so dass ich die Ruhe ohne Verliebtsein mittlerweile auch sehr genießen konnte. Außerdem fand ich mich ja unattraktiv, so dick, aufgedunsen und kränklich, wie ich war. Und ich hatte das Thema "Partner" seit langer Zeit verdrängt. Aber wie die Leser schon wissen, klopfte es seit meinen Erlebnissen in der Waldhütte auch wieder mächtig an die Tür.

 

Abends nach dem Vortrag konnte ich nur schwer einschlafen, ständig hatte ich das Gesicht dieses Mannes vor meinem inneren Auge, so sehr ich auch versuchte, es nicht zu sehen und endlich zu schlafen. Es war mir unangenehm und ich dachte verstört: Vielleicht sah dieser Tom mich nun auch? Wer wusste schon, was diese Aufgestiegenen für Talente entwickelten! Und ich selbst wollte keinesfalls invasiv sein und in seine ätherische Intimsphäre eindringen. Ich wollte ja selbst auch nicht, dass man mich einfach unangemeldet besuchte, aus welcher Dimension auch immer. Meine Lichtfilzlinge hatten mich da ganz schön dafür sensibilisiert, ob ich gerade selber dachte oder von Besuchern gedacht wurde. Ich forderte mittlerweile auf allen Ebenen und Dimensionen Achtung und behauptete meine Intimsphäre entschieden. Oder wie war das dort?

 

Schließlich bewegte ich mich ja auf Neuland und hatte noch keine Ahnung, wie man sich in den Dimensionen außerhalb unserer Realität benahm, ohne andere zu verletzen. Es gab ja noch keinen Knigge für den Umgang untereinander in anderen Dimension. Und dann: Warum verschwand dieses Gesicht nicht einfach wieder, wieso? Ich war doch nicht in ihn verliebt und hatte auch kein Interesse an ihm. Schließlich verblasste Toms eindrucksvolles Lächeln doch noch nach einer Weile und ich schlief einigermaßen erleichtert ein.

 

Am nächsten Morgen erwachte ich und Tom stand in voller Größe deutlich zu sehen ätherisch und plastisch dreidimensional neben meinem Bett, so deutlich, als stände er wirklich vor mir oder es würde jemand sein Hologramm dahin projizieren. Ich wusste aus dem Londoner Science Museum, wie ein Hologramm aussah, das hatte mich damals ungeheuer fasziniert: Dort war es ein durchsichtiges aber deutlich sichtbares dreidimensionales Bild einer Frau in Lebensgröße gewesen, um das man komplett herumlaufen und es von allen Seiten betrachten konnte. Und damals im Museum dachte ich noch, dass die Menschheit bestimmt auch noch eine Technik entwickeln würde, um ganze Filme auf diese Weise zu drehen, die man dann einfach mitten ins reale Leben hinein projizieren könnte. Irgendwann würde man vielleicht nicht mehr unterscheiden können, ob das Gegenüber auch real existierte.

 

Aber das war ja noch Zukunftsmusik, ich erschrak jedenfalls über diese Erscheinung am Bett außerordentlich. War ich in Toms Feld eingedrungen? Manipulierte ich gerade? Hatte ich etwas Unerlaubtes oder Empörendes im Schlaf gemacht, ohne es zu wissen? War ich ihm in der Nacht mit meinem Traumkörper nachgelaufen und hatte ihn ätherisch wie ein kreischender Fan belagert und ihn gedanklich damit belästigt? Aber auch wenn es wahrscheinlich gegen die guten Sitten in der ätherischen Welt verstieß, ich konnte es ja einfach nicht kontrollieren, ich sah ihn dort vor meinem Bett stehen und mich auch noch ganz sympathisch anlächeln.

 

Schon als ich diverse Bücher über Astralreisen las, die vom Herumspazieren in anderen Dimensionen mit einem dazu passenden Körper berichteten, fand ich es bemerkenswert, dass keiner der Leute, die da so in anderen Dimensionen herumspazierten, sich Gedanken über eine ätherische Intimsphäre machte. Die flogen einfach mal ins Schlafzimmer ihre Freunde und schauten, was die nachts so trieben. Aber das ging sie doch gar nichts an! Es gab ja auch noch keinen ätherischen Datenschutzbeauftragten. Einige dieser Techniken waren wohl ursprünglich aus einer Spionage-Forschungsabteilung entlaufen und man konnte sie wie so vieles andere erlernen, es sorgte nur leider nicht wirklich für mehr Bewusstsein bei den Betreffenden oder wenigstens für eine Erhöhung der Schwingung oder eine Lebensverbesserung und blieb daher eine nette Spielerei, um sich zu beweisen, dass das ging. Natürlich ging das, jeder konnte das lernen. Ich kannte Leute, die es ausprobiert hatten und bei denen es wunderbar funktionierte, nur ich selbst wollte das nicht, ich hatte da meine Grundsätze.

 

Andererseits hatte mir Margret, eine hellsichtige Frau, angewidert und empört von einem nächtlichen Besuch berichtet. Sie konnten den wohl so sehen, wie ich jetzt den Tom. Da war also ihre Lehrerin nachts bei ihr vorbeigekommen und hatte auf sie eingeredet und versucht sie zu beeinflussen, und es wurde ihr dabei ganz übel, selbst noch in der Erinnerung am Morgen, so erzählte sie mir. Es sei ihr in der Nacht nahe gelegt worden, was mit ihr los sei und was sie weiter tun solle und natürlich sollte sie auch bestimmte Seminare dieser Lehrerin weiter besuchen. Die bräuchte sie noch unbedingt um wirklich weiter voran zu kommen. Dass es sich bei dem nächtlichen Besucher ausgerechnet um die Seminarleitung des gerade vergangenen Wochenendseminars handelte, gab dem Ganzen eine pikante Note. Ich machte mir so meine Gedanken um die Geschichte.

 

Vielleicht war es der gutmeinenden Lehrerin nicht klar, dass sie dann auch tatsächlich gleichzeitig durch die Aura ihrer Teilnehmerin spazierte, wenn sie an den Tagen nach dem Semnar an sie dachte und etwas zu ihr "wahrnahm", also erkannte, wertete und urteilte. Vor allem, wenn sie dann auch noch genau wusste, was für die andere Person dran war und wo deren Leben hinging. Nun, zumindest diese Teilnehmerin hatte das als üble Einmischung erlebt und sehr weise auf weitere Seminare verzichtet. Dabei war alles doch eigentlich ganz harmlos: Aus Unwissenheit verwechselte die Workshopleitung vielleicht nur ihren inneren Verdauungsprozess als Waschmaschine mit einer objektiven Wahrnehmung. Schließlich hatte sie im Seminar absorbiert. Aber statt im Stillen alleine und vorsichtig zu verdauen, spazierte sie ätherisch beim anderen vorbei, einfach in dem sie an die Teilnehmer dachte und sich dabei mit ihnen verband. Und da Teilnehmer untereinander gerne Kontakte knüpften, gab das vielleicht sogar den Anstoß, dass ganze Gruppen von Teilnehmern wegbrachen und lieber nicht mehr kamen, obwohl das Angebot selbst möglicherweise phänomenal gut blieb.

 

Was lief da verkehrt? Statt das Zeugs nach dem Absorbieren einfach unbeteiligt der Verdauung zuzuführen, ergriff sie bestimmte Ideen und begann sich damit zu identifizieren, als seien es ihre eigenen Gedanken, und dann entwickelte sie das eine oder andere Thema kreativ weiter. Sie surfte im Cosmic Creator Net für den andern, und das war auch das, was mir daran nicht gefiel, obwohl ich es noch nicht hätte erklären können, was mich eigentlich daran störte.

 

 

 


Band 3: Die Weltsicht einer Puppenmacherin

 

 

 

La Fortalezza

 

Es passierte gleich nach meiner Ankunft auf der Insel. Schon die einstündige Hinfahrt zu dem Anwesen meiner Gastgeberin auf den schmalen Straßen durch die kanarischen Berge entlang steilen Abgründen hatte in mir auf halber Strecke so große Übelkeit verursacht, dass mein Abholdienst anhalten musste, weil ich kurz vor dem Übergeben stand. Über tiefes Durchatmen konnte ich mich dann wieder beruhigen und nahm an, dass es mir schlecht geworden war wegen der vielen Kurven, der oft über hundert und mehr Meter abfallenden steilen Böschung und dem unaufmerksamen Fahrstil der erzählenden Fahrerin, denn die gestikulierte augerechnet auch noch bei einer solchen Straßensituation wild mit den Händen, während ich ganz schön nervös daneben saß.

 

Meine Tochter hatte mich darauf vorbereitet, denn der war damals auf der Strecke auch immer schlecht geworden, und so bat ich diese mir fremde Frau, nicht mehr zu reden, ich müsse mich wegen meiner Übelkeit sowieso ganz darauf konzentrieren, dass wir nicht wieder anhalten müssten. Und das war auch so, nur mühsam brachte ich die Strecke hinter mich, ohne mich zu erleichtern. Und auch, als meine Gastgeberin selbst aus ihrem Urlaub zuückkehrte und ich die Strecke mehrmals mit Elvira zusammen zu bewältigen hatte, denn es gab an der Küste auch immer was zu erledigen, passierte das Gleiche. Es stellte sich keine Gewöhnung ein, so wie die dort lebenden Menschen das mir gegenüber behauptet hatten. Es war einfach eine üble Strecke. Dachte ich.

 

Und dann nahm ein deutscher Nachbar mich mit an die Küste und er fuhr eine ganz andere Strecke, die aber ebensolche gefährlichen Serpentinen enthielt, und er erzählte und gestikulierte noch viel wilder. Und mir ging es die ganze Zeit gut, und das hin und zurück, und das machte mich natürlich nachdenklich. Erst dachte ich, nun wäre die besagte Gewöhnung endlich eingetreten und freute mich, aber nicht doch: Bei der anderen Strecke passierte es wieder regelmäßig, und nun erst merkte ich: Auf halber Höhe. Während der nächsten Fahrt machte es in meinem Kopf endlich klick und ich sah mich um:

 

Da gab es eine riesige Felsformation, die an drei Seiten steil mitten aus dem tief eingeschnittenen Barranco ragte und nur an einer Seite über ein Tal und einen niedrigeren Hügel zugänglich war, eine natürliche Festung also, und so nannten die Spanier der Insel sie auch: La Fortalezza. Und im oberen Bereich trug sie Höhlen und es gab Überlieferungen, dass es sich um einen Guanchen-Ort handelte, dass die Ureinwohner der Insel sie also genutzt hatten. Und als ich so hinschaute, spürte ich, wie meine Absorbersymptome einschließlich Verwirrung größer wurden. Eindeutig, meine Übelkeit wurde von diesem Ort ausgelöst und der rief mich sogar irgendwie, ich solle kommen. Elvira war einverstanden und so machten wir auf der Rückfahrt einen Abstecher zu der Höhlenfestung.

 

Kaum waren wir auf dem Parkplatz angelangt und ausgestiegen, verstärkte sich die Übelkeit, und das, obwohl das Auto auf einer ganz sicheren, weitläufigen Ebene stand, die auf einer Seite der Felsspitze vorgelagert war.

 

Und in mir ging es nun auch noch los mit einer heftigen Rülps-Attacke, die immer lauter wurde, und bei der einem schon vom Zuhören so richtig schlecht werden konnte. Es war mir äußerst peinlich und ich entschuldigte mich vielmals bei Elvira, schließlich hatten wir uns gerade erst kennen gelernt und über Absorbieren konnte ich zu der Zeit mit niemand reden, ich hatte es versucht, aber man hielt mich nur immer für einen Spinner, also ließ ich es ganz. Aber stoppen konnte ich die Reaktion auch nicht, das kannte ich ja schon, Widerstand und der Versuch willentlicher Kontrolle machte alles nur noch schlimmer.

 

Wir folgten beide dem kleinen Weg zu den Höhlen. An einer Stelle spürte ich zusätzlich deutlich größte Traurigkeit, und da war der Weg sehr schmal und die Böschung fiel daneben besonders steil und tief nach unten. Und eine Art Versammlungshöhle auf halbem Weg machte zwischendurch sogar ein gutes Gefühl. Und in der eigentlichen großen Höhle, die eine Passage durch den ganzen oberen Berg bildete und somit auch zwei Ausgänge hatte, da fühlte ich mich körperlich zudem bleischwer und konnte mich kaum noch bewegen und auf den Beinen halten.

 

Spätestens bei diesem bleiernen Gefühl erinnerte ich mich ja mittlerweile immer daran, dass es sich um eine Überlagerung aus der Astralwelt handeln könnte, und scheinbar musste ich auf diese Idee auch erst einmal kommen, bevor mir mehr Informationen zugänglich wurden. So auch diesmal. Nun sah ich die Geister, die ich in meiner Rolle als unfreiwillige Hobby-Ghostbusterin gerufen hatten. Ein großer und gut aussehender dunkelblonder Mann mittleren Alters mit sehr viel Charisma war der Anführer und bat mich, die ganze Gruppe ins Licht zu schicken. Und das tat ich dann auch, und diesmal fragte ich sogar, wie viele sie seien und er sagte: Ohne ihn 122. Und es war eine ganze Sippe, alt und jung, aber vor allem Frauen, Kinder und alte Männer, sie hatten vor Jahrhunderten den Freitod gewählt.

 

Zum Schluss musste ich sogar kurz lachen, denn da kam noch ein altes Weiblein um die Ecke gehechtet, das fast den Anschluss an die Gruppe verpasst hätte. Diese wettergegerbte und vom Leben gezeichnete Frau blieb kurz vor mir stehen, nickte wortlos und grinste mich wissend und dankbar an. Von ihr war ich wohl gerufen worden. Und bis zum letzten Augenblick hatte sie sich offenbar darauf konzentriert, dass auch alle dabei waren und keiner der Gruppe zurückblieb. Und dann hastete sie in einem sehr ulkigen Gehopse von Stein zu Stein den anderen ihrer Sippe hinterher und war mit ihnen verschwunden.

 

Als ich alle auf ihre Reise ins Licht geschickt hatte, erwartete ich, dass ich nun in Leichtigkeit und ohne Rülpser den Ort auch noch touristisch inspizieren könnte, aber weit gefehlt. So oft ich auch diese ganze Schwingung bewusst in mich aufsog und sie nach oben abgab, es änderte nichts an meiner Übelkeit. Schließlich verließ ich mit Elvira wieder La Fortalezza.

 

Was immer dahinter steckte, dieses Feld war von der Schwingung her so grauenvoll niedrig, das überstieg einfach meine Kraft bei weitem. Selbst später, als ich schon an der Küste lebte, im gleichen Barranco spazieren ging und in die Berge schaute, erwischte mich dieses Feld noch so manches Mal. Und da war das ausgetrocknete Flussbett breit und die Böschung nur noch zwanzig Meter hoch.

 

Ich wurde auch das Gefühl nicht los, dass dieser Ort eigentlich eine Richtstätte der Ureinwohner gewesen sei, und es dort schon in der Guanchen-Zeit zu grausamen Bestrafungen gekommen war. Die Nutzung der Höhle alleine zu faschistischen Versammlungen in der Francozeit konnte diese niedrige Schwingung und die Heftigkeit dieses Feldes nicht erzeugt haben, aber die Anhänger des Diktators Franco hatten sich bestimmt in La Fortalezza sehr wohl gefühlt. Während also die Gruppe, die ich ins Licht schickte, irgendwie zusammen in den Freitod ging, waren zuvor vermutlich über Jahrhunderte hinweg an der einen Stelle des Weges, wo ich mich auch so überaus traurig gefühlt hatte, Menschen hingerichtet und in den Tod gestürzt worden.

 

 

 

Ätherische Intimsphäre

 

Meine Übelkeit wurde also durch Unterschiede in der Schwingung ausgelöst, und dann vor allem, wenn die Schwingung erheblich schwerer und niedriger war als meine eigene. Früher hatte ich nur deshalb seltener solche Beschwerden, weil ich erstens selbst in einer viel niedrigeren Eigenschwingung lebte und der Unterschied deshalb nicht so groß sein konnte, und weil ich mir zweitens angewöhnt hatte, im Moment der Feldannäherung und als unbewussten Umgang damit die Schwingung meines Körpers ganz schnell und deutlich abzusenken, um den Unterschied wieder auszugleichen, der Übelkeit sozusagen vorzugeugen durch eine niedrigere Eigenschwingung und mich weiter wohl zu fühlen.

 

Und da hatte ich eine entscheidende Idee: Was, wenn das auch den Hintergrund erklärte, warum ich so oft in meinem Leben unkontrollierbar viel essen musste? Ich hielt mich ja schon lange für esssüchtig. Nannte ich dann vielleicht nur die unbewusste vorbeugende Maßnahme meines Körpers gegen Übelkeit eine Fress-Attacke? Dann sollte sie mich vielleicht nur schützen vor Übelkeit und Rülpserei? Meine Jahre in all diesen Selbsthilfegruppen fielen mir ein, zum Beispiel bei den Overeatern Anonymous, den anonymen Ess-Süchtigen. Na wunderbar, falls die Menschen in diesen Gruppen niegrigere und deutlich andere Schwingungen hatten, gab mir deren Aufnahme ja erst recht Grund, um zu einem Vielfraß zu mutieren. Ich hielt die Felder nicht aus! Und das waren offenbar Felder, die sowohl von Lebenden als von Toten stammten. Und diese Felder blieben nach dem Tod an der Umgebung kleben, so hatte ich nun La Fortalezza verstanden.

 

Mit einem Suchtanfall oder einer Fress-Attacke gelang es mir, mich sehr schnell an eine schwere und dunkle Schwingungsumgebung anzupassen, es war also mein Geheimrezept, um weiter symptomfrei vergnügt zu leben. Und dann reagierte ich mit einem Riesenappetit auf industriell verarbeitete Nahrungsmittel, die Zucker oder Mehl enthielten, am besten funktionierte jeglicher Fastfood. Aber Fleisch- und Wurstgenuss, Alkohol, ja selbst Zigaretten taten es auch, es waren nur nicht meine bevorzugten Mittel der Wahl. Und es war auch egal, ob ich dabei von eigenen oder fremden Felder erwischt wurde, nur der Schwingungsunterschied bzw. die Fremdheit der Energien spielte eine Rolle.

 

Waren diese Schwingungen als Projektionen dann auch noch deutlich an mich selbst gerichtet und schlugen mit dieser Absichtsenergie in meiner Aura ein, gab es sogar einen kleinen Schlag und meine Reaktion wurde noch intensiver. Und je langsamer eine Schwingung und je zielgerichteter der Einschlag in meiner Oberfläche, umso heftiger die Attacke. Das konnte sich regelrecht wie der berühmte Schlag in die Magengrube anfühlen.

 

Einmal hatte mich eine ganz harmlose Bemerkung einer Freundin schier umgehauen und tagelang beschäftigt, und das nur, weil ich ich für sie offen blieb und mich nicht wehrte. Ich nahm die ganze Wucht fassungslos-widerstandslos entgegen. Eine ärgerliche Antwort meinerseits dagegen hätte das Zeugs der Freundin sofort wieder aus mir rausgeworfen, jede patzige Bemerkung war dazu geeignet. Erst meine bedingungslose Annahme bescherte mir dieses Problem, aber ich erkannte es nicht. Ich entschied stattdessen, mich nicht mehr mit Menschen, die noch wild mit Projektionen um sich warfen, zu verbinden.

 

Das mit den Projektionen hatte ich schon lange vorher in irgendwelchen Büchern gelesen, aber nicht wirklich verstanden, also mit Wirkung auf mein Leben umgesetzt, erst mit Tom im Restaurant begriff ich so nach und nach, dass es genau das war, was mich gesundheitlich die ganzen Jahre so trudeln ließ. Bis dahin blieb es ein nettes Konzept in meinem Kopf. Und die Auswirkung war sehr umfassend: Sobald Menschen etwas über mich wussten und über mich nachdachten, sandten sie damit auch solche Felder aus und wenn ich ihnen unbedacht meine Aura öffnete oder auch nur meinen Aurahund Struppi einfach streunen ließ, sammelte ich das alles auch noch regelrecht ein und machte mir damit das Leben schwer. Wegen dieser Vermutung hatte ich schon auf dem Campingplatz meine verbliebenen Freunde und meine Familie gebeten, nicht mehr über mich nachzudenken und mich ganz loszulassen, sobald unser Treffen oder ein Telefonat beendet war. Und es war ein Grund mehr dafür, alle Freundschaften in Vorlieben zu verwandeln, denn wenn ich jeden Kontakt so beendete, als sei es der letzte und ich könnte in Frieden sterben, gab es da auch minimal wenig zum Nachdenken und Projizieren.

 

Später fand ich zum Glück heraus, dass die anderen keine Rolle spielten. Ich brauchte sie nicht und sie mussten es auch nicht wissen. Wenn ich selbst die Verbindung sofort nach dem Kontakt bewusst trennte, konnte keiner sich mehr mit mir verbinden und keine Projektion bei mir landen, ich musste dann nur entsorgen, was schon in meiner Aura hing.. Nun verstand ich auch meine Idee damals in der Hütte bezüglich "sich nicht um mich sorgen" besser, denn Sorge war eine super niedrige Angstfrequenz und man dachte über den anderen in ganzen Horrorszenarien nach.

 

Wenn dagegen die Schwingungen der ankommenden Felder höher lagen als meine eigenen, öffnete ich mich gerne und suchte regelrecht nach solchen erhebenden Ereignissen, mit ihnen fühlte ich mich viel heller und freudvoller. Dann wartete ich zum Beispiel regelrecht auf den Anruf von Tom, so gut tat mir das, dann dockte ich mich umgekehrt an die energetische Kaffeetafel des anderen an. Deshalb drängte sich mir der Begriff "Licht" auch so auf: Schnellere und damit höhere Schwingungen als die eigenen nahm ich eben als hell, sonnig, leicht und freudig wahr, einfach so richtig zum Wohlfühlen.

 

Konsequenterweise hatten diese Überlegungen nun zur Folge, dass ich auch nicht mehr an die tollen und höher schwingenden Menschen denken wollte, denn dann hängte ich mich ja sicherlich auch in deren Aura und verdrehte und quetschte sie mit meiner viel niedrigeren Schwingung. Es sei denn, ich wurde ausdrücklich von ihnen eingeladen und aufgefordert, dann natürlich gerne. Es war doch eine Frage der Achtung, diese wunderbaren Menschen ansonsten energetisch in Ruhe zu lassen.

 

 

Da hatte ich sie doch, meine ätherische Intimsphäre, nach der ich schon so lange suchte: Keine Projektionen mehr aussenden und das Feld bei mir selbst halten, so einfach war das. Wozu auch über andere nachdenken, das war doch deren Sache. Und umgekehrt musste ich dafür Sorge tragen, dass keiner ätherisch bei mir 'rumspazieren konnte oder unerlaubt Hellsehen oder Auralesen. Ich wollte vorher gefragt werden. Und dann bemühte ich mich vor allem, meine Schwingung, also mein Bewusstsein, kraftvoll zu halten, und möglichst nicht mehr als unbedingt erforderlich in Verbindung gehen. Im Falle von La Fortalezza war es also besser, den anderen Weg zu nehmen, dieses dunkle Feld schlug einfach ziemlich unverdaulich auf den Magen.